Weinbrand, Schwimmsport und kein Koks

Valli und Stephan beim Wakenitzman

Wenn ich mich zwischen Whiskey und Rum entscheiden müsste, dann würde ich sagen, mag ich Cognac am liebsten. Das Relikt dieser für mich neuen Erkenntnis stand in Form einer leeren Flasche noch auf meinem Balkontisch, als mich am Samstag Mittag Vallis Rundfrage nach einem Staffelpartner für den Wakenitzman erreichte. Ich betätigte den Einschalter der Kaffeemaschine, brachte meinen Kater mit einem Espresso in Bekanntschaft und begann dann, taktisch tiefzustapeln. Den Wakenitzman hatte ich bereits vor zwei Jahren als Teil einer Viererstaffel erlebt und war seinerzeit begeistert gewesen: Liebevolle Organisation, wunderschöne Strecke und die wohl einzigartige Möglichkeit, Schwimmsport in einem Fluss zu betreiben. Die Chance, für dieses Jahr einen Startplatz zu bekommen, hatte ich schon längst abgehakt, nachdem ich vor einigen Monaten bei der Anmeldung zu spät gekommen war. Ich war dementsprechend in jeglicher Hinsicht unvorbereitet und so verkündete ich zunächst einmal, dass ich zwar Lust hätte, mitzumachen, dass mit einer nennenswerten Performance meinerseits jedoch nicht zu rechnen sei. Mein Glück: die anderen Gefragten winkten nach und nach alle ab und so drängelte ich mich am nächsten Morgen um viertel vor sechs (!) durch einige Partyzombies, die in meinem Hauseingang standen und Koks von mir kaufen wollten und stieg zu Valli und Stefan ins Auto, mit dem es – Zwischenstopp: Tanke/Franzbrötchen – Richtung Lübeck ging. Vor Ort: Startunterlagen abholen, darüber staunen, wie man als Veranstalter 150 Begleitkanus zusammenbekommt und mentale Vorbereitung auf 7,5km Schwimmen. Doch dann: Wolkenbruch, Gewitter, Weltuntergang. Für eine knappe Stunde standen wir dicht gedrängt mit anderen Teilnehmern im Eingang eines altersschwachen Segelclubs (o.Ä.), der durch das komplette Abhandensein von Gastfreundschaft beeindruckte: „Bitte nicht an die Tische setzen!“ – „Wir bestellen auch was“ – „Ungern!“… Es hatte ob der peinlichen Deut(sch)lichkeit schon wieder was Witziges. Irgendwann war die Sintflut dann aber glücklicherweise vorbei und der Veranstalter, welcher in Person den ganzen Tag über an diversen Stellen beim händischen Organisieren zu bewundern war, blies per Megaphon zum Start. Ich quetschte mich in den Neo, dehnte mich gründlich und fand mich dann Schultertief im Wasser stehend dort wieder, wo der Ratzeburger See in die Wakenitz mündet (oder ist es andersrum?). Ich muss wirklich sagen, ich kann mich nicht erinnern, schon mal eine derart inspiriernde Startatmosphäre erlebt zu haben: freundschaftliches Abklatschen mit anderen Teilnehmern, das (für mich) angenehme und beruhigende Gefühl nasskühler Schwerelosigkeit und nach vorn der Blick auf den Flusslauf. Ganz hinten im Dunst blinkte – was die Szenerie krönte – das Blaulicht eines Bootes der Wasserpolizei. Noch mal gemeinschaftlich von Zehn runtergezählt und los ging es. Sehr angenehm: Das übliche Gehacke bei Triathlonstarts blieb hier – obwohl 150 Leute gleichzeitig losschwammen – komplett aus.

Ich schwimme also entspannt los und meiner ersten kleinen Aufgabe entgegen: die eigenen Paddler ausmachen, die irgendwo zwischen den links und rechts aufgereihten Booten warten. Irgendwo rechts finde ich sie, kurzes Winken und weiter geht’s. Nach etwa 10 Minuten bin ich gut im Rhythmus. Was an dieser Art des Schwimmens wirklich besonders viel Spass macht: der Grund des Flusses, den man immer wieder sieht, gibt einem das beschwingliche Gefühl, voranzukommen. Kein Vergleich zu den im Triathlon üblichen Seen und Alstern, wo man stets nur ins Trübe schaut und das eigene Vorankommen anhand von quälend langsam näherkommenden Bojen ausmachen muss. Irgendwann kommt dann tatsächlich die Sonne wieder raus und recht bald auch die Autobahnbrücke, die grob das Ende des ersten Drittels markiert. Läuft, denke ich mir und schmiede folgenden Plan: Noch ein weiteres Drittel locker schwimmen und wenn sich dann alles gut anfühlt, im letzten Drittel noch mal einen raushauen. Ich schwimme dahin, erfreue mich an der Über- und Unterwasserwelt, hänge mich ab und zu ans Kanu und lasse mir Babynahrung und Kokoswasser (ich nenne es Affenpipi) reichen. Insgesamt fühle ich mich pudelwohl – nicht zuletzt, weil Stefan im Boot es schwer drauf hat, mich mit dezenten Bemerkungen, dass das alles ganz gut aussieht, zu motivieren. Richtig beeindruckend: ich gucke irgendwann nach vorne und sehe zwei riesige gefederte Schwingen, die entgegen meiner Richtung direkt über meinen Kopf hinweg schweben. Die Paddler erzählen mir hinterher, dass es sich um einen startenden Schwan handelte.

So langsam stellt sich die Frage, wo ich etwa bin. Ich frage ins Kanu und höre: „Demnächst wohl Hälfte“. Ich schwimme weiter, frage irgendwann zaghaft: „Zwei Drittel?“ und höre: „Gut die Hälfte“. Dass „Gut die Hälfte“ und „Zwei Drittel“ optimistisch betrachtet das gleiche sein können, wird mir nicht klar, weil ich bei sowas – um böse Überraschungen zu vermeiden – stets kleinstmöglich denke. Also  weiterschwimmen, langsam machen, die Gedanken schweifen lassen. Einer davon dreht sich um die Frage, was man macht, wenn man beim Schwimmen einen Lachkrampf bekommt. Die nüchterne Zusammenfassung der Situation jedenfalls würde einen hergeben, nachdem mir Vallis Künstlername eingefallen ist: Ich schwimme Sonntag morgens, anstatt auszuschlafen, etliche Kilometer durch einen Fluss, um einer gewissen Petra Preiswert eine gelbe Badekappe zu überbringen. Bevor diese Feststellung humoristisch-motorisch wirksam werden kann kann, passiert jedoch etwas komplett unerwartetes: Die im Boot signalisieren mir etwas, und zwar: „Da vorne links ist der Wechsel!“. Ich kann nicht glauben, wie sehr mein Gefühl für Zeit und Strecke unter die Räder gekommen ist, sprinte die letzten Meter (Stichwort: im letzten Hundertstel noch mal einen raushauen) und übergebe Valli die gelbe Badekappe, die gleichzeitig der Staffelstab ist. Etwas verdattert sitze ich kurz darauf am Anleger und gucke Valli hinterher, die ziemlich schnell entschwindet, weil sie einfach mal richtig gut schwimmen kann. Mit dem Auto fahre ich zum Ziel, einem Naturfreibad in Lübeck und schaffe es zu meiner grossen Schande, Vallis Ankunft zu verpassen, während ich mir ein Bier hole. Ich treffe sie eine viertel Stunde später, nachdem ich mich schon gefragt habe, wo sie bleibt. Wir holen das Zielfoto nach und erfahren später: Wir haben Platz Acht der Zweierstaffeln belegt – Yeah! Insgesamt war’s ein wirklich rundum gelungener Sporttag. Fetten Dank an alle. Ich hoffe – nein, weiss: das war wohl nicht der letzte Wakenitzman für mich.

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