Sören beim Embrunman

Embrun liegt in den französischen Alpen, wenn man mit dem Finger auf der Karte von Grenoble nach Monaco fliegt etwa auf halber Strecke. Im August ist es tagsüber laut Wetterstatistiken im Mittel um 28°C warm, nachts kühlt es sich auf Werte zwischen 12 und 15°C ab. Minimal wurden 5.1°C und maximal 36.1°C gemessen. Im Mittel wehte ein Wind der Stärke 2 Bft. (leiche Brise), an 0 von 21 Tagen traten Sturmböen (Windstärke ≥ 8 Beaufort) auf. So weit also die Statistik – Ausnahmen bestätigen die Regel…

Wir sind am 12.08. angereist und fanden ein „dänisch kühles“ aber schönes und vor Triathleten und sonstigen Sport- und Bergverrückten wimmelndes Embrun vor. Unser vermeintliches Pech, wegen später Buchung nur noch einen Campingplatz etwa 2-3km außerhalb bekommen zu haben (Les Grillons), entpuppte sich als Glück, denn wir hatten ab 22:00 Uhr Nachtruhe, während auf den ortsnahen Plätzen noch gefeiert wurde. So war ich schon mal schön ausgeschlafen am Start, auch der „shuttle“ war mit anderen Starten organisiert. Das Rad habe ich am Donnerstagabend eingecheckt und mich über die geräumige Wechselzone gefreut: Die Räder hängen hochkant am Sattel an soliden, mobilen Stahlzäunen, so dass man um den besorgten Blick auf die Laufflächen der Räder gar nicht herum kommen will 🙂 und jeder hat einen eigenen Stuhl (!) und eine Klappbox. Am Freitag fiepte mich dann um 3:45 mein Schlaufon wach – ich hatte tatsächlich gut geschlafen – und nach einem kleinen Frühstück, Kaffee und Milchbrötchen waren wir um kurz vor 5 in der Wechselzone. Bei 6 oder 8°C im Schatten! Mit Andre und Bekks und zwei Buxtehudern (Thorsten und Uli) und Rene (einem sehr netten Hessen, der schon zum sechsten Mal hier am Start war) geflaxt und gewartet.

Das Umziehen in den Neo bis 15 Min. vor den Start hinausgezögert und dann ab an den See. Geschwommen wird im Plan d’eau, einem abgetrennten Teil des Stausees. Um 6:00 Uhr (die Mädels 5:50) toben also rund 1200 Starter mit Landstart bei Dunkelheit ins 22 Grad warme Wasser. Sobald man aus dem Flutlicht der Startzone heraus ist, kann man auch im Zwielicht erkennen wohin man schwimmt und wohin man schwimmen will. Klar Schwimmbrille ist Pflicht und vielleicht auch eher ein bisschen Ruhe, es ist vielleicht nicht jedermanns und -frau Ding, bei Fastfinsternis in die Wasserschlacht zu gehen und sich durch Pflanzenfelder zu robben (wenn man zu weit rechts raus kommt 😉 ) Aber das Schwimmen hat ne tolle Atmosphäre, der Tag wacht langsam auf und die arschkalte Luft lässt eine schöne Nebelwolke über dem See stehen. Ich hab es genossen. Meine rechten Finger sind wieder wie gewohnt eingeschlafen und daher bin ich die zweite Runde etwas entspannter geschwommen, aber nach 80 Minuten war ich wieder in der Wechselzone.

Ich hatte mit zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder ein Handtuch in die Startbox gelegt. Neo und Badehose aus (Achtung! Nix zeigen, die Kampfrichter achten darauf, dass die weiblichen Zuschauer nicht abgelenkt werden) abgetrocknet und dann in trockene Klamotten. Tanktop, Einteiler, langes Shirt, Radtrikot, Windjacke, lange Laufhose, Socken und Füßlinge, Handschuhe und Buff über die Ohren. Warm eingepackt und trotzdem etwas fröstelnd das Rad geschnappt und los.

Die Radstrecke ist mit (ehrlichen) rd. 4000 Höhenmetern (der Veranstalter spricht von 5000) mehr als wellig. Deswegen wollte ich ja auch dahin. Es gibt eigentlich 5 Anstiege bzw. Berge: Einen gleich nach dem Start, der lange Weg über den Col d’Izoard, zwei kleinere zwischen Briancon und einen letzten in bzw. oberhalb von Embrun. Ich bin also im kleinen Gang zum Städtchen hinaus pedaliert und habe mich gefreut, dass man so wenigstens in Ruhe warm werden kann und gewundert, wie viele doch bei nun wohl schon 8°C nur im feuchten Einteiler (Thorsten !) an mir vorbei sind. Und dann hat sich nach etwa 40km am Ende der westlichen Schleife zurück nach Embrun mein Rücken gemeldet – genauer: die beiden Lammlachse neben der Lendenwirbelsäule. Erstmal ignorieren und weiter radeln. Die Beine wollten und der Kopf sowieso. Aber bei Guillestre (etwa km 60) auf dem Weg zum Col war es nicht mehr bloß ein ziepen, sondern ich hatte das Gefühl, dass ich an Stelle der Muskeln zwei gespannte, kurze Stahlseile über dem Hintern hatte. Treten und grübeln. Aufgeben wollte ich nicht, ich wollte mindestens meinen ersten Alpenpass fahren und schließlich tat es nur weh aber es fühlte sich noch nicht … naja … ungesund an. Hose, Jacke, Handschuhe und Füßlinge hatte ich inzwischen zu einem kleinen Paket unter den Lenker gebunden. So bin ich also phasenweise aufrecht, wie ein Dressurreiter mit den Händen auf den Armpads zum Col d’Izoard hoch. Gar nicht mal so langsam wie befürchtet und auch mal an andern vorbei, so dass ich fast eine dreiviertel Stunde vor Sperrstunde oben war. Die Sonne schien die ganze Zeit, aber je höher wir kamen, desto weniger war es Sommer. In der Nacht hatte es oben noch gefroren, habe ich später erfahren, aber die Mittagshitze hatte 10°C (im Tal 20°C). Die Abfahrt nach Briancon war geil. Die Straße ist in sehr guten Zustand und war weitgehend sauber und ich bin mit verfrorenem Grinsen die Serpentinen herunter getobt. Nach 10 Minuten der erste Stopp am Straßenrand – Finger auftauen – und meine ersten Engel standen als Pärchen von etwa 60 Jahren an ihrem Auto und (quelquechose chaud?) boten mir einen Kaffee an – eine der schönsten Tassen Kaffee meines Lebens, jeder Schluck war bis zum Bauchnabel zu spüren. Weiter … nach Briancon … und der Rücken war nicht wirklich leiser geworden. Ab hier habe ich beschlossen, so lange weiter zu fahren, wie es geht, dann eben als „betreute“ Radtour. ich hatte ja bezahlt und wollte ja auch zurück nach Embrun. Und es war schön! Obwohl ich inzwischen langsam hinter meinen Zeitplan zurückfiel, habe ich die Strecke genossen – und immernoch gab es Leute an der Strecke, die „courage“, „allez“ uns Nachzügler anfeuerten. Ich habe auch noch die Steigung kennen gelernt, die sie „die Wand“ nennen … jetzt weiß ich auch, warum. Kleinster Gang, 7 km/h, Schlangenlinien und bloß nicht nach oben kucken, das Ding geht fast nur geradeaus hoch und nimmt erstmal kein Ende. Und am Hang wehte uns eine steife Brise aus dem Tal entegen.

Bei Km 165 etwa rechnete ich mir aus, dass ich, um im Zeitlimit zu bleiben, die letzten 23 km in einer Stunde schaffen müsste – mit dem knackigen „Haushang“. Und damit hätte ich meinen Temposchnitt etwas steigern müssen. Also durchgeatmet, rechts ran und dem Kampfrichter ein „c’est finis pour moi“ zugeseufzt. Er hat erstmal gefragt, ob ich Hilfe bräuchte, mir dann meine Startnummer abgenommen und mir den kürzesten Weg nach Embrun gezeigt. Und ich rollte gerade los, da fragte aus einem Auto ein Pärchen (meine Engel 2. Teil), ob sie mich mit zur Wechselzone nehmen sollen. Ich glaube, das „Ja, Bitte!“ war klar in meinen Augen zu lesen 😉 ich bin also zum ersten Mal an diesem Tag und gerade noch so ohne fremde Hilfe vom Rad abgestiegen und habe das Bein über den Sattel bekommen. Im Auto erzählten die beiden dann, dass sie heute Nacht oben auf dem Col übernachtet hätten und es Frost gab. Ich konnte mich dann tatsächlich erinnern, dass uns auf dem Weg nach oben ein Pärchen mit Rucksäcken entgegen kam.

Ich war also etwa kurz nach Marcel Zamora, dem Sieger, in der Wechselzone. Gaby war überrascht, mich schon dort zu sehen und glücklich, dass ich inzwischen wieder guter Dinge war. Und wenn kaum noch einer da ist, dann haben die Physios wenigstens noch Kraft und viel Zeit 🙂 und so habe ich eine halbe Stunde lang meinen völlig harten Rücken weich geknetet bekommen. Der Physio meinte, meine Muskulatur sei zwar gut, aber deutlich verkürzt – ich solle doch viel mehr dehnen, aber bloß nicht die nächsten zwei Tage, da muss sich erstmal wieder alles beruhigen. Beugen ließ sich mein Rumpf nur sehr widerwillig. Aber nach der Massage konnte ich schmerzfrei im Stuhl sitzen 🙂

Thorsten ist kurz nach mir regulär in die Wechselzone gekommen und gleich weiter. Uli kam eigentlich nach dem Zeitlimit rein (da schon zweimal wegen Zeitüberschreitung disqualifiziert) aber er durfte sein Rennen noch zu Ende bringen und wurde, wie alle anderen finisher auch, im Ziel empfangen, bekam bloß keine Platzierung, so what. André hat bei den Jungs den 101. gemacht und war einfach platt und Rebekka bei den Deerns den 9. Platz! Auf dem See hackte es mit 4-5 Bft. und man konnte gut surfen – es waren ein paar Jungs mit kleinen Segeln draußen.

Fazit? Es war ein beeindruckender und auch schöner Tag. Natürlich hätte ich gerne gefinisht, aber ich konnte am nächsten Tag gut ins Dorf hoch gehen. Selbst, wenn ich das Radfahren noch zu Ende gebracht hätte, wäre der Marathon mindestens eine Qual geworden und vielleicht hätte ich mir dabei bloß den Rücken noch schwerer verletzt. Es ging halt nicht. Der Embrunman ist eine tolle Veranstaltung! auch wenn es anfangs und bei der Wettkampfbesprechung nicht den Eindruck erweckte, durchgehend gut organisiert. Und der Wettkampf ist angenehm familiär. Trotz der Vielzahl an Startern empfand ich die Atmosphäre beinahe entspannt und Embrun und die Region leben und feiern diesen Tag. Auch die letzten Läufer waren nie oder kaum allein an der Strecke, es gibt viel Zuspruch, gerne Hilfe und eine Herzlichkeit, die ich vielleicht noch beim Ostseeman erlebt habe. Ich bin mit dem Tag versöhnlich auseinander gegangen. Ich werde bestimmt nochmal wiederkommen und die Gegend genießen. Dass ich hier nochmal an den Start gehe, glaube ich nicht so schnell. Wenn ich wieder bei einer Langdistanz starte, dann erstmal bei einer, wo das finishen „sicherer“ ist 😉 Danke aber an alle Mitstreiter für Trost und zuspruch im Ziel und vor allen Dingen danke ich meiner Frau, dass sie das Training „toleriert“ und den ganzen Quatsch mitgemacht hat. Dafür hatten wir noch schöne zwei Wochen Frankreich ganz erholsam, ohne Sport mit Rotwein, Baguette, Käse, Pastete und „Mules frites“.

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