Ottoerich rockt den Münsterlandgiro

Bepackt wie ein Maulesel geht’s mit dem Rad zur Bahn. Abfahrt pünktlich, Verspätung zuverlässig: Bereits kurz nach Verlassen des Bahnhofs Stillstand und 15 Minuten Pause. Die Bahnfahrt entspannt bei Mineralwasser und Prosper Mérimée-Lektüre. Na, der hatte auch ein Ehrverständnis, da weiß man gleich, in welchem Jahrhundert er zu Hause war. Und man selber lieber doch nicht. Hbf Münster erscheint wie ausgebombt. Nichts als Baustelle. Über die „Promenade“ zur Turnhalle des Paulinums, meinem Nachtlager.

Nasses Laub auf glänzendem Asphalt und dunkler Himmel lassen Ahnungen aufkommen. In der Schlafstätte treffe ich Carmen mit ihrem Begleiter Jochen. Später werde ich mit Carmen die Matratze teilen. Und noch später eine Tasse Tee. Geht ja nichts über Freunde.

Nach Isomatte-Ausroll und Startunterlagen-Abhol schleunigst zum Treffpunkt der Twit-Biker, meinem Wettkampf-Team. Das Herumirren durch die Stadt lässt schon mal Zweifel aufkommen. Werde ich mein Ziel erreichen? Im América Latina angekommen zumindest nicht den Wunsch erfüllt „Irgendwas mit Nudeln“. Aber dafür entschädigt mit dem Kennenlernen von Anja, Andreas (2x) und Georg. Virtuelle Kontakte beleben sich. Wettkampfbesprechung bleibt dann bestimmt unbestimmt. Wir sehen, was geht. Ich stufe vorsichtshalber von Startblock C auf D runter. Zumindest die ersten Kilometer wollen wir als Mannschaft erleben. Die Nacht in der Turnhalle beginnt gegen 0 und endet bereits um 5 Uhr. Dazwischen um 3 Uhr mal aufgewacht in der Annahme, es sei der lichte Tag ausgebrochen, strahlender Sonnenschein statt Hamburger Wetter. Es war aber nur die Beleuchtung unserer Herberge: 1000 Neonlichter leuchten dich an.

Der Morgen dann aufgeregt-nervös wie stets bei mir vor dem Rennen. Aber durch das frühzeitige Wecken kein Zeitstress, alles in Ruhe. Sogar für eine Katzenwäsche reicht es. Im Startblock die ersten Duschen abbekommen. Die Twit-Bikers finden zusammen unterstützt von Anja, die uns den Rücken frei hält. Buchstäblich. Im Vorübergehen noch Daniela und Olaf begrüßen können, mittlerweile langjährig bekannte Kombattanten und eingeschworene Helmuts-Fahrradseiten-Fans. Nun kann’s los gehen.

Auf den ersten, allerersten Kilometern bleiben wir 4 Twit-Biker wie gewünscht zusammen, dann ziehen Georg und Andreas ab. Der andere Andreas und ich wühlen uns in die Gruppen rein. Der unmittelbar nach dem Start stark einsetzende Regen lässt erst einmal den Wind und Böen vergessen. Sich seinen Platz im Feld behaupten, ist vordringliches Ziel. Muskeln und Gelenke an die plötzliche Unruhe gewöhnen. Andreas und ich fahren wohl 10 km zusammen, bevor ich auch ihn aus den Augen verliere. Es geht recht flott voran, die ersten 10er Abschntte deutlich unter 20 Minuten. Das reicht mir Masse.

Irgendwann fahre ich mir mit der Zunge über die Lippen. Statt des erwarteten Wassers schmecke ich Steine und Dreck mit einer Spur von Gülle. Das Radrennen als Praline, weißt du nie, was du kriegst. Einen Berg gilt als zu erklimmen. Das Gute daran: Man weiß, irgendwann ist man oben, die Plackerei hat ein Ende. Das Schlechte: Bei Gegenwind scheint die Strecke endlos. Ich kann aber nach anfänglichen Schwäche sogar mit einem kleinen Viererzug auf die linke Spur wechseln und überholen. Nicht ohne ganz links selbst immer wieder gefressen zu werden. Auf einer großen Ausfallstraße für wenige Kilometer ordentlich Rückenwind getankt: Ich fahre solo 40 km/h + völlig unangestrengt und losgelöst. So schön kann das sein. Im Gegensatz zu den letzten 20 km. Die ziehen sich ohne Ende. Pinkelpause ist auch nicht, kost ja nur Zeit. Nach 3:21 h im Ziel.

Andreas musste passen wegen Zerrung, sein Namensvetter brauchte gerade mal 3:03 und fix as de wind war Georg mit 2:52h. Treffpunkt mit weiteren Rennradfahrern aus dem Twitter-Universum. Zwei davon sind weiblich und verbreiten ungeahnt gute Laune. Spart den Sieger-Champagne. Statt Ritzelraten und Zeitvergleich nun Döntjes und Döneken. Einen Becher Bier gibt’s obendrauf.

Die Heimfahrt mit der Bahn logisch mit Verspätung (20 Minuten) und nicht wie versprochen und gebucht bis Altona, sondern schon beim Hbf war Schluss. Die Entscheidung in das Philosphenlager der Stoiker zu wechseln macht sich bezahlt. Zu Hause dann bei Pizza und Bier den Tag Revue passieren lassen, alles entspannt sich und die Gewissheit macht sich breit: Hat sich gelohnt. Zwei Tage wie ein kleines Leben.

Detlef a.k.a. Ottoerich

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