Die prototypische Realisierung eines emergenten Diskursmusters

(https://www.dsdigital.de/DS.01.2012.002)

Meine Zwar-Aber-Erfahrungen beim IM Hamburg 2018

Am Ende zwar eine neue PB über die Langdistanz, aber kein Schwimmen.
Am Ende zwar eine neue PB auf der Radstrecke, aber vorher eben nur gelaufen.
Am Ende zwar eine tolle Radzeit, aber eben auch eine neue PW (Personal Worst) über die Marathonstrecke.
So stehe ich am Ende zwar etwas ratlos da, habe mich aber dieses Mal noch mehr als letztes Jahr auf die FC St. Pauli Fanmeile (Es fühlte sich bei meinem „Lauf“-tempo am Ende wirklich wie eine Meile an!) und die vielen anderen aus unserer Abteilung, die uns über Stunden angefeuert haben (und sich teilweise mit viel Mühe ein recht bequemes Lager eingerichtet hatten, lieber T. G.) sehr gefreut, weil der Kopf zwar aufhören wollte, aber das Herz entschieden hat weiterzumachen.
Oder war es doch nur die Gier nach dem Finisher-T-Shirt?


Am Freitag taucht gegen Mittag eine Email von IM auf meinem Telephon auf: Das
Schwimmen ist abgesagt! Ich bin etwas verwirrt und denke: „Sie meinen wohl, dass
Neoverbot herrscht.“, womit ich bei den herrschenden Temperaturen schon gerechnet
habe. Doch als ich die Mail gelesen und auf Wikipedia nachgeschaut habe, was Blaualgen sind, ist es nicht so sehr die Enttäuschung darüber, dass meine Lieblingsdisziplin nicht stattfinden wird, sondern die Unklarheit, wie ich eine Langdistanz als Duathlon anzugehen habe und, da es nicht meine erste ist, wie ich am Ende mein Ergebnis einzuordnen haben werde, die mich beschäftigt: Was sagt eine Radzeit aus, wenn man vorher 6km gelaufen ist?
Wie schnell gehe ich die 6km am Anfang an? Werde ich die 6km am Ende merken oder ist das nichts im Vergleich zu den 70min Schwimmen, die es sonst gewesen wären?
Und eins wußte ich ja schon: Man kann wenig so gebrauchen, wie einen unklaren Kopf in den beiden Nächten vor dem Rennen! Da ist man so froh, dass man glaubt, genau zu wissen, was in welchen Wechselbeutel muss, wo die aufzuhängen und abzugeben sind, und dann das: Nehme ich wirklich zwei paar Laufschuhe? Soll ich nicht lieber alles in meinen Lieblingslaufschuhen laufen und sie dann in der Wechselzone in den zweiten Beutel stopfen?
Komme ich an den überhaupt ohne viel Mühe heran? Versaut das nicht meine Wechselzeit oder ist das alles egal, weil es kein richtiger IM ist? Bin ich am Ende nicht ohnehin so viel schneller im Ziel, dass die Wechselzeiten … usw. usf. Ein freier Kopf fühlt sich anders an.

Samstagmorgen ist der Tag vor dem Rennen und an diesem schwimme ich eigentlich früh am Morgen ganz gern. Ich wache aber gerädert auf, die Nächte waren viel zu heiss und natürlich frage ich mich, wozu ich schwimmen gehen sollte, wo das gerade nicht stattfinden wird. Ich gehe 20min lustlos Laufen. Immerhin erkenne ich, dass es heiss werden wird am Sonntag.
Nach dem Mittagessen und dem heiligen Mittagsschlaf (Lehrer auch in den Sommerferien!) fälle ich per Münzwurf die Entscheidung, wirklich die von IM vorgeschlagenen zwei Paar Laufschuhe zu verwenden, packe meine Beutel und mein Fahrrad und checke ein. Und während ich dies tue, öffnet der Himmel seine Schleusen und es regnet und regnet und regnet. Und es kommt mir vor wie letztes Jahr!
Abends muss ich schweren Herzens die Pastaparty der Abteilung ausfallen lassen, weil auch die Kinder in den Ferien Termine haben und ich sie abholen muss, und danach ist es mir zu spät in der Hoffnung, noch die eine oder andere Mütze Schlaf zu bekommen.

Der Wecker klingelt um 5.00h und es folgt meine Top-Secret-Vor-Start-Routine. Um Viertel vor sechs schwinge ich mich auf ein Stadtrad und radle durch die Schanze Richtung Ballindamm. Ich kann eine solche Radtour in unseren St. Pauli Triathlonklamotten auf einem Stadtrad am frühen Sonntagmorgen durch den Kiez nur allen empfehlen: Wer da so alles Richtung Bett torkelt! Wenn du die Jungs genau anschaust, dann kannst du in ihren müden Augen oft die Hoffnung sehen, dass sie vielleicht doch noch irgendwie im Bett der schönsten Frau der Welt neben ihnen landen. Aber auch an ihr hat die Nacht ihre Spuren hinterlassen und in ihren Augen steht eher so etwas wie: „Gleich schlafe ich. Und zwar allein. Und zwar in meinem Bett!“
So komme ich gut gelaunt an der Wechselzone an und checke ein. Das alles geht natürlich schnell, da das aufwendige Anziehen fürs Schwimmen entfällt. Statt uns nach
Schwimmzeiten einzuordnen, dürfen wir das nun nach Minutenzeiten für den ersten Lauf.
Ich treffe die ersten St. Paulianer und wir überbrücken die Zeit bis zum Start mit
aufmunternden Gesprächen. Hier wird mir zum ersten Mal klar, dass das Absagen des
Schwimmens natürlich viel bitterer für all diejenigen ist, die sich zum ersten Mal für eine
Langdistanz angemeldet haben. Mein Mitgefühl ist ihnen sicher.
Ich starte fast eine Stunde später als die Profis und frage mich, warum das wohl so lange gedauert hat. Bestimmt hätte ich mich beim Schwimmen früher eingeordnet und bestimmt wollen sie das Windschattenfahren auf der Radstrecke auf diese Weise etwas entschärfen, aber so reichhaltig war mein Geheimfrühstück dann doch nicht und das ist beim Start drei Stunden her.
Der Wechsel aufs Rad geht ebenfalls natürlich schneller, wenn nur noch der Helm auf den Kopf muss und das aufwendige Ausziehen und Einpacken der Schwimmsachen in den Radbeutel entfällt.
Viele Kommentare gab es zur neuen Hamburger Radstrecke und bei mir kamen
wahrscheinlich nur die wenigsten an: Das Windschattenfahren werde ein faires Rennen
unmöglich machen. Tatsächlich gab es zu Beginn meiner ersten Runde größere Gruppen, in denen die wenigsten den Anstand hatten, Abstand zu halten. Geärgert habe ich mich aber viel mehr in der zweiten Runde über die, die äußerst dreist im Windschatten gefahren sind.
Mögen sie sich bitte einen anderen Sport suchen! Ich schlage Fußball vor: Da müssen sie sich nicht jede Minute umdrehen, ob nicht vielleicht ein Kampfrichtermotorrad von hinten kommt (und dann aus dem Windschatten überholen), sondern da gehört es zum guten Ton, den Schiedsrichter nach einem jeden Foul entweder als Täter auf den Ball hinzuweisen oder als Opfer in größtmöglicher Theatralik quasi sterbend zu Boden sinken. (Das ganze Fair-Play-Abgeklatsche und -Gerede zu Beginn des Spieles ist Teil der Aufführungspraxis, inhaltlich natürlich irrelevant).
Kritisch zu unseren Kampfrichtern ist jedoch meinerseits anzumerken, dass mir in der ersten Runde oft mehrere Kampfrichtermotorräder als Pulk entgegenkamen. Hätten sie nicht mit größeren Abständen besser für Kontrolle sorgen können?
Es war mir am Ende egal, denn ich bin sehr zufrieden und glücklich auf die Laufstrecke
gewechselt, weil ich mich so über meine Radzeit gefreut habe. Und natürlich habe ich da gerechnet und mir gedacht: „Wenn es jetzt läuft wie letztes Jahr…“ Doch wie sagte meine liebe Kollegin immer: „Du, wenn meine Tante Hoden hätte, dann wär’s mein Onkel!“ Was ziemlich sicher stimmt.
Und dabei ging es gut los: Die erste Runde und das erste Mal durch unseren Spalier laufen!
Allein deswegen kann es nirgendwo anders besser sein. Aber irgendwer hat mir dann den Strom abgedreht: Es ging zwar noch, aber es lief nicht mehr. Und es ging vor allem mental hoch her: „Hör doch einfach auf: Ist eh kein richtiger Triathlon!“ und „Du hast genug Finisher-T-Shirts, die du eh nie anziehst!“ und „Also gehen kann einen Marathon jeder…“
Zwar wurden diese inneren Stimmen immer lauter, aber es gab ja zum Glück noch dreimal unseren Spalier und die anderen St. Paulianer an der Strecke. Und die wenigen Zurufe „Nur der HSV!“ haben mich auch eher angespornt, nicht aufzugeben.
Irgendwann habe auch ich in meinem Marathontempo Athen erreicht, „νενίκηκα“
gemurmelt und mich über meine Zeit gewundert: Zwar PB, aber eben PW in der letzten
Disziplin. Als Trost für all diejenigen, die ihre erste Langdistanz gemacht haben, kann ich nach dieser Erfahrung sagen: Zwar wird eure Zeit nichts darüber aussagen, wie es dann hoffentlich einmal mit Schwimmen laufen wird, aber am Ende fand ich den Weg ins Ziel härter als im letzten Jahr.
Natürlich habe ich mich gleich wieder angemeldet für HH 2019. Aber wahrscheinlich werde ich das Schwimmtraining durch Laufen ersetzen, denn ich glaube kaum, dass irgendjemand wegen Blaualgen auf eine Flugreise verzichten, zur Arbeit deswegen lieber mit dem Rad statt mit dem Cayenne fahren oder gar weniger Fleisch essen wird. Ich werde darauf hoffen müssen, dass Monsanto etwas gegen Blaualgen (oder am besten gegen alle Algen) erfindet, damit wir endlich wieder schwimmen können! Alternativ könnte ich aber auch der Werbung von IM erliegen: Warum nicht mal zum IM nach Penghu fliegen? Warum nicht mal dem Diskursmuster ein kleines Schnippchen schlagen?

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