La dolce Vita – Gardaseemarathon 2009

uns OttoErich berichtet von jenseits der Alpen:

Der Lauf am Gardasee war ein einziger Traum – na gut, die letzten Kilometer musste ich schon kämpfen, aber wie heißt es so schön: Zum Schluss darf es noch mal weh tun, egal ob nun Sprint oder Langer Kanten.

Im Ziel war ich erst einmal nur froh, dass es vorbei war, hatte dann aber bald mit schweren seelischen Verwerfungen zu kämpfen. Leider war niemand zum Handtuch halten da. Dies vielleicht ein kleines Manko, aber wer hat schon alles? Ich war jedenfalls schwer erschüttert nach dem Lauf und fühlte mich ganz groß und ganz klein zugleich. Eine seltsame Gefühlsmischung, die mich übermannte.

Eigentlich hatte ich den M aufgrund massiven Trainingsrückstandes schon geschmissen, wollte dann aber doch ein bisschen mittun und wenn’s nicht mehr geht (also läuft), schmeißen. Ich weiß gar nicht, wann ich die Entscheidung traf, durchzulaufen? Kurz vor dem und beim Start, als zum ersten Mal Wettkampfstimmung aufkam und das Adrenalin durch meine Venen schoss? Am Abend zuvor, als ich allen verkündete: morgen lauf ich Marathon! Oder erst bei km 30 als Umkehren gar nicht mehr ging? (Dafür eine fiese miese Steigung, die gar nicht enden wollte, kilometerlang zog sie sich hin – aber auch die war eigentlich mehr Einbildung als tatsächlich vorhanden, wie ich später heraus stellte).

Egal, diese Entscheidung war sehr gut und ich musste sie nie bedauern. Vive ut post vivas! – Lebe so, wie du gelebt haben wolltest! Nach diesem Motto bin ich auch gelaufen. Und habe unterwegs einige nette Leute kennen gelernt.

So Caren aus Conventry, die schon bei km 5 Gehpausen einlegen musste. Ich versuchte, ihr gut zuzusprechen und ermunterte sie, längere Gehpausen einzuschalten. Es war ihr erster M und ihr längster Lauf zuvor war so um die 15 Meilen. Dafür ein BMI deutlich über 25 Einheiten. Aber ihre einzige und bange Frage lautete: „Are we the last?“. Ich konnte väterlichen Trost spenden: „Nein, nein, hinter uns kommen noch ein paar!“ (ich glaube, es war ein Geher und ein Rettungswagen) – und nicht weniger bänglich, dass es ja eine Ausschlusszeit gäbe und sie müsse einen Schnitt von 7:40 min/km oder so halten, um ins Ziel zu kommen. „Ja, aber bitte lebend!“, musste ich nun doch etwas eindringlicher warnen. Das entlockte ihr zumindest ein Lächeln. Irgendwann hieß es „Ciao“, ich wollte weiter. Zu Hause angekommen konnte ich übrigens nachlesen, dass sie tatsächlich ins Ziel gekommen ist. Zwar über der „Ausschlusszeit“ von 6 h, aber man hat sie wohl gewähren lassen und so hat sie die Strecke bewältigt. Das freute mich sehr.

Und lief die nächsten Kilometer immer darauf achtend bloß nicht unter 7 min/km zu pacen. „Immer mit der Ruhe – und dann mit’m Ruck!“, lautete mein Mantra, „schneller werden kannst du immer noch“. Die Möglichkeit vom Besenwagen eingeholt zu werden, war schon real. Ja, kurz nach dem Start ruckelte er auch schon los und heftete sich an meine Fersen. Umgeben war ich zudem von lauter Fahrradfahrern, die zur Betreungsmannschaft zählten. Ich dachte schon, das kann ja heiter werden, wenn die ständig wie ein Bienenschwarm um dich herum schwarwenzeln. Ich muss dann doch ziemlich mit mir selbst beschäftigt gewesen sein und stellte plötzlich und überrascht fest – du bist ja allein! Allein, auf weiter Flur. Wie entspannt läuft es sich hier am Ende des Feldes. Niemand rempelt, keiner brüllt dir was zu, nur die Straße und rundherum Landschaft.

Und zwar der schönsten Art: schroff abfallende Gesteinshänge wurden von dem kühl anmutenden See kontrastiert. Wilde, hoch schießende Gebirgslandschaften ließen mich Flachländler immer wieder erstaunen: Mann, was schön! Diese Abschnitte des einsamen Laufes waren besonders auf den ersten Kilometern vorhanden, je weiter ich mich dem Ziel näherte und doch den einen oder anderen einsammelte, ließen sie nach.

Eine Begegnung der gruselig-schaurigen Art gab es auch: in einem der Tunnel lief ich auf Jägersleute auf. Der eine hatte einen erlegten Gamsbock in seinen Rucksack gestopft. Der gehörnte Schädel lugte draus hervor, die Augen geöffnet und das tote Tier schien mich wie ein Faun anzugrinsen. Ich erschrak deshalb nicht wenig, weil ich erst kurz dem Überholen die Szenerie richtig einschätzen konnte und erkannte. Wie kann man nur so ein schönes Tier tot schießen, ging es mir durch den Sinn, und tröstete mich damit, dass es wahrscheinlich nach Jägermanier der Arterhaltung diente. Alas, poor Yorick!

Dann gab es noch die Läuferin aus Ungarn mit der ich mich in Gebärdensprache unterhielt, die vielen Einheimischen, die in ihrer italienischen Sprache auf mich einredeten, ich tapfer mit Deutsch dagegen hielt und wir uns so manche Minuten verkürzten. Und den Marktplatz in Arco auf dem ich einen Siegerpodest erklimmen konnte und mich von der versammelten Zuschauern als Gewinner feiern ließ. Ein Mitläufer sprühte mich mit einem mir unbekannten Spray ein, es sollte mein schmerzendes Knie zur Räson bringen. Und viele Begegnungen mehr auf meinem 5 Stunden und 20 Minuten langen Lauf.

Mein vorheriges Nichttraining hat zwar den noch im Sommer geplanten sub-4-Stunden-Lauf zunichte gemacht, aber der Entschluss, trotz dieser sportlich voraus zu sehenden Pleite, zu starten, einen tollen Tag beschert. Auch die hochsommerlichen Temperaturen um 28° C im Schatten konnten mir nichts anhaben. Das Bad im Gardasee nach dem Lauf war ein krönender Abschluss und beim anschließenden, ausgedehnten Pizzeriabesuch konnte ich die Erlebnisse noch einmal genüsslich Revue passieren lassen.

Die beiden voran gegangen Tage waren auch nicht übel: ich bewohnte ein Nebengelass der Villa Halkyone in Salò, mit Seeblick versteht sich, regelmäßiges Abbaden, erfreute mich der besten Betreuung der dort ansässigen Hautevolee einschl. Einladungen zum „Lunch“ und konnte obendrein meinen Vortrag „Otto Erich: Mythos und Wirklichkeit“* mit italienischer Simultanübersetzung zur Erheiterung und Belehrung einer 26köpfigen Versammlung zum Besten geben. Ein unerwartetes Honorar sprang auch noch heraus.

La dolce vita – du süßes Leben, ick liebe dir!

Medfaille_Gardasee

3 Gedanken zu „La dolce Vita – Gardaseemarathon 2009

  1. Dank je! Ich bin sozusagen aus der Kalten Hose gelaufen, na ja leicht angewärmt war sie schon und unser Laufcoach, Larsen, gab den Tipp: „Mach ma!“

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