1. EXILANTEN-Interview mit Karsten

In der neuen Rubrik „Nachrichten aus dem st. paulianischen Exil“ soll es um Mitglieder gehen, die zwar mehr als 100 Km weit weg vom Millerntor wohnen, leben und trainieren, aber es sich dennoch nicht nehmen lassen den Triathlonsport unter braun-weißer Flagge zu betreiben. Was veranlasst sie dazu? Wie ist ihre Geschichte? Das sind Fragen, die sich mir oft stellen, wenn ich mal wieder bei einem entfernten Wettkampf starte und keine Ahnung habe, wer das eigentlich ist, die oder der den selben Einteiler trägt wie ich. KarstenDeshalb haben in dieser Kategorie die Exil-Triathleten die Gelegenheit sich kurz vorzustellen und ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Den Anfang macht heute Karsten Paulig, mit dem ich vor einer Woche ein kleines Telefoninterview führte. Ursprünglich sollte dieses Interview im Rahmen des sich immer noch in der Produktion befindlichen Podcasts erscheinen, doch leider spielte die Technik nicht mit. Deshalb erscheint das Interview nun hier in gedruckter Form.

Hallo lieber Karsten! Wir kennen uns ja schon seit letztem Jahr, in dem wir zusammen die Challenge in Roth gefinisht haben und ich darüber hinaus, auch bei dir und deiner Familie übernachten durfte. Wir wollen in dieser neuen Rubrik ja Triathletinnen und Triathleten zu Wort kommen lassen, die man nicht so oft beim Training oder im Stadion trifft, weil sie schlicht weit weg wohnen. Stell doch doch bitte einmal kurz vor.
Ja, ich in der Karsten Paulig, bin jetzt fast 42 Jahre alt, komme aus der Gegend um Cottbus und wohne jetzt in Sendenhorst. Das ist im schönen Münsterland.

Wie bist du zum Triathlonsport gekommen?
Wie der Zufall es wollte, bin ich 1994 nach Roth zur Bundeswehr eingezogen worden und habe just den (damals noch) IRONMAN Deutschland live mitbekommen und diesen ganzen verrückten Haufen gesehen und irgendwie hat mich das nicht mehr losgelassen. Irgendwann um das Jahr 2000 herum, habe ich dann selber angefangen etwas zu trainieren. Jedoch nicht gerade freiwillig. Eine Fussballverletzung zwang mich dazu mich sportlich nach Alternativen umzuschauen. Ich war vorher schon aktiver Schwimmer und dadurch, dass ich mich aufgrund der Verletzung wieder herankämpfen musste, kam dann auch noch das Radfahren und das Laufen dazu.

Warst du dann Kampfschwimmer, als du beim Bund warst?
Nee, ich war fleißiger Fernschreiber! (lach)

(lach) Ok! Wie hast du angefangen? Hattest du schon ein Rennrad oder hast du mit einem City- oder Mountainbike angefangen zu trainieren?
Also, als ich mich verletzt hatte, habe ich mir dann ein Rennrad gekauft, um dann auch Radkilometer zu sammeln und dann habe ich um das Jahr 2000 auch in einer Zeitung eine Ausschreibung zum „2. Stendaler Volkstriathlon“ gelesen. Da habe ich aus Spaß dann einfach mal mitgemacht und zu meiner Überraschung auch gleich meine Altersklasse auf Anhieb gewonnen.

WOW! Realert lässt grüßen!

Naja, dass lag dann wohl mehr an der schwachen Besetzung!

Achhhh, keine falsche Bescheidenheit! Gewonnen ist gewonnen! 🙂 Das war eine Sprintdistanz, richtig?
Ja, genau. Als 500m-20km-5km. 1994 war ich zwar schon mit dem Triathlon-Virus infiziert, aber da brach er dann so richtig aus! Wer einmal einen IRONMAN sieht, der hält es für unvorstellbar, bei so einem Blödsinn mitzumachen. Ich meine mal im Ernst: Wer kann denn so bescheuert sein, das freiwillig in Angriff zu nehmen?! Aber dennoch, ich habe trainiert und irgendwann stiegen dann auch die Distanzen an und dadurch wurde es langsam zumindest vorstellbar das einmal zu machen.

War es damals schon das erklärte Ziel in der Zukunft eine Langdistanz zu absolvieren?

Nein, da noch nicht. Ich habe damals eher aus Langeweile einen Volkstriathlon bestritten. Das daraus einmal so eine Geschichte wird, hätte ich nie gedacht. Ich hatte da auch andere sportliche Ziele. Je länger ich aber trainierte, desto ernsthafter wurden die Überlegungen bis ich mir dann wirklich 2007 eine Langdistanz als Ziel setzte. Das hat sich dann leider immer wieder verzögert, aber letztes Jahr, also 2014, konnten wir es dann endlich eintüten!

Aber der Weg dorthin ist ja auch relativ beschwerlich. Du hast Familie, du hast einen Job und bestimmt auch in deiner Freizeit noch andere Interessen. Wie kriegst du das alles unter einen Hut – ganz besonders, wenn du dich für eine Langdistanz vorbereitest? Hast du Tipps und Tricks?
Ich denke der wichtigste Tipp ist die Wahl des Partners. Wenn man nicht den richtigen Partner oder die Partnerin (je nach Präferenz) hat, dann funktioniert es nicht. Klar, wenn man alleine ist, kann man sich nur um sich kümmern. Ist aber denke ich nicht so schön. Ich verdanke da sehr, sehr viel meiner Partnerin!

Wie sah denn in der Roth-Vorbereitung eine typische Trainingswoche aus?
In der unmittelbaren Vorbereitung ist das ganz schön heftig. Das weißt du ja selbst – da trainiert man 12- 16 Stunden in der Woche. In der Regel habe ich die kürzeren Einheiten immer nach der Arbeit absolviert. Noch mal schnell schwimmen oder laufen und am Wochenende kommen dann die langen Brocken. Darüber hinaus war ich vor Roth auch noch einmal für 2 Wochen auf Mallorca, um Radkilometer zu sammeln. Ansonsten bin ich eher der Triathlet, der nach „Lust und Laune“ und zeitlicher Verfügbarkeit trainiert, da ich zum Glück gut auf Trainingsreize anspreche. Also ich brauche nicht so lange, um wieder gut regeneriert am Montag laufen gehen zu können. Das ist schon ne gute Sache bei mir.

Das stimmt wohl. Aber du hast ja schon erwähnt, dass dies nicht immer verletzungsfrei verlief. Was war das eigentlich für eine Verletzung und bliebst du danach davon verschont?
Beim letzten Freundschaftsspiel vor Saisonbeginn habe ich mir rechts unten einen Kreuzbandriss eingefangen. Das war schon echt böse. Glücklicherweise beeinträchtigt mich das mich nicht beim Triathlon. Manchmal habe ich Knieschmerzen, aber nicht so starke. Seither blieb ich soweit von weiteren Verletzungen verschont, wenn man mal von ein paar Abschürfungen bei Radstürzen absieht.

Für viele ist ja auch beim Triathlon-Sport ein dementsprechender Verein wichtig. Den haben wir ja auch beide. Allerdings ist der bei dir nicht gerade um die Ecke. Wie kam es dazu, dass du Mitglied beim FC St. Pauli wurdest? Warst/bist du Fussball-interessiert?
Tja, mit dem Verein FC St. Pauli verbindet man ja auch immer eine gewisse Einstellung zum Leben und zur Politik und diese habe ich in meinen Jugendjahren sehr geteilt. Außerdem ist die Auswahl schon etwas eingeschränkt wenn man mit Nachnamen Paulig heißt und am 19.10. Geburtstag hat! (lach). Da ist St. Pauli die einzige Möglichkeit! Früher (in den 90ern) hatte ich dann auch einen Dauerkarte und war danach immer mit großem Interesse und Engagement mit dabei. Unter anderem war ich dann auch in Erfurt beim Aufstieg dabei und bei vielen weiteren Spielen in allen Ligen. Also St. Pauli begleitet mich persönlich seit mehr als 20 Jahren. Da ich, natürlich primär aufgrund des Fussballs, St. Pauli Fan war, hab ich dann auch nie darüber nachgedacht wo anders anzuheuern, als es um die Wahl eines Triathlonvereins ging. Das stand nie zur Debatte.

Warst du vorher in einer anderen Abteilung oder wurdest du erst Mitglied, als die Triathlon-Abteilung 2009 gegründet wurde?

Ich hatte vorher schon überlegt Mitglied zu werden, aber da gab es die Triathlon-Abteilung noch nicht. Deshalb wollte ich mal Mitglied in der Radsport-Abteilung werden, aber das hatte sich dann irgendwie zerschlagen. Deswegen war es klasse, dass sich in der Zwischenzeit die Triathlon-Abteilung gegründet hatte. Da bin ich dann 2013 eingetreten und konnte von da an, den braun-weißen Einteiler auf Wettkämpfen stolz präsentieren. 🙂

Klasse! Wenn wir gerade bei Wettkämpfen sind: Was war da oder auch generell bei deiner Ausübung des Sports deine schönsten bzw. auch schlimmsten Erfahrungen? Fangen wir doch mit dem Negativen an, um dann positiv zu enden…

Beim Triathlon weiß ich gar nicht so richtig. Aber beim Fussball war das Blödeste im Jahr 1995 die Aufstiegsrunde zur Jugend-Bundesliga in Bremen. Da habe ich noch im Kader des USV Cottbus gekämpft. Als souveräner Regionalliga-Meister haben wir da ganz blöd, den Aufstieg in die Bundesliga verpasst. Das war ne gut aufgestellte Mannschaft, die auch unbedingt aufsteigen wollte. Das schafften sie dann auch ein Jahr später, allerdings ohne mich, weil dazwischen der besagte Kreuzbandriss passierte und ich zugucken musste, wie sie aufstiegen. Das war ein echter (sportlicher) Nackenschlag!

Bitter, aber schönere Momente haben diese Erfahrung hoffentlich überlagert. Ich würde jetzt einfach mal tippen, das Roth ein schönes, wenn nicht sogar das schönste sportliche Erlebnis für dich war, oder?
Selbstverständlich! Wenn man so lange davon träumt und der Einlauf in „das Stadion“ noch schöner ist, als man sich das vorgestellt hat….Boah! Das ist für mich heute noch DIE Trainingsmotivation! Wenn ich mich daran zurück erinnere, dann krieg ich heute noch Gänsehaut! Du weißt ja, wovon ich da rede. Wenn man durch das Tor läuft und dann das Rund sieht und weiß, es ist gleich vorbei und die ganze Schinderei ist etwas wert gewesen, da fällt viel von einem ab! Das lässt sich auch mit nichts vergleichen. Deshalb werde ich es auch 2016 noch einmal machen.

Echt? Cool! Bist du dann auch 2015 als Zuschauer dabei?
Ja sind wir! Dein Namensvetter „Mic“ ist ja dabei, den werden wir dann zum Finish peitschen und am Montag darauf hole ich mir dann den Startplatz. Dann werde ich 2016 am besagten Sonntag gegen 7:30 den Tag wieder sportlich im Kanal beginnen.

Geil! Was ist deine Motivation? Einfach nur das Erlebnis oder warst du 2014 mit irgendetwas unzufrieden?
Naja ich war schon unzufrieden mit meiner Zeit. Die Hitze hat mich einfach zerstört! Vom Schwimmen her, liefen die ersten 2 Km bombig. Ich bin schnell in eine der fordern Gruppen mitgeschwommen. Leider habe ich es dann übertrieben und wollte an einer Wendeboje noch einen Schwimmer innen überholen. Dann hat der aber den Laden zugemacht und ich habe einen fetten Tritt ans Auge bekommen. Von dem Moment an hatte ich Schwierigkeiten mit der Brille und bin 200m Rücken geschwommen. Dann haben schon Leute gemeckert, was mir denn einfallen würde. Das war alles sehr hektisch. Auf dem Rad war es … also ich mag halt diese Bananengels nicht. Ich hab dann leider an 5 Verpflegungsstellen dieses sch*i§ Hi$h5 Gel in die Hand gedrückt bekommen und das hat meinem Magen gar nicht gepasst. Dann kam die Affen-Hitze und die Verpflegungsstellen kamen auf der zweiten Radrunde nicht mehr mit Wasser nach. Ein weiterer Fehler von mir bestand darin, dass ich nicht mit meinem normalen Radhelm, sondern mit meinem Aerohelm (Eistüte) startete und ich den Kopf nicht kalt bekommen hatte. Ich überhitzte gnadenlos. Ich bin dann auch auf der zweiten Runde kurz nach dem Kalvarienberg abgestiegen und wusste auch nicht mehr, ob ich noch weiter mache. Aber ein DNF stand nicht zur Debatte, weshalb ich mich dann auch wieder aufs Rad schwang. Irgendwie erreichte ich die Wechselzone und hatte danach in Harald einen braun-weißen Weggefährten, mit dem ich mich am Kanal entlang schleppen konnte bis ich endlich da war.

Man konnte ja sogar auf der offiziellen Challenge Facebookseite sehen, dass es dann auch wirklich emotional wurde. Da warst du ja mit einem kleinen Bild vertreten. Da muss alles abgefallen sein von dir, oder?
Auf jeden Fall. Persönlich gesehen, standen die Jahre und Monate zuvor so viele Umbrüche an. Ich musste das Training oft unterbrechen, war auch eine Zeit lang im Krankenhaus, hatte eine Scheidung hinter mir und dann eine neue Partnerin gefunden. Da war ich dann wirklich völlig aufgelöst, weil ich unter anderem auch zwischenzeitlich wirklich nicht mehr daran geglaubt hatte, dass ich DAS schaffen kann. Dann brachen die Dämme. Null Kontrolle – war mir in dem Moment aber auch scheiß egal! 🙂 War dann erst nach 12:50 Std. im Ziel.

Naja, wenn man bedenkt, was das für ein Tag war mit der Hitze und dem Gewitter, da kann man nichts als stolz sein und die ein oder andere Träne raus lassen. Ich habe ja, nebenbei gesagt, schon am Anfang geheult wie ein Schlosshund!
Ja, es war schon von Anfang an so eine komische Atmosphäre. Aber das ist nun einmal Roth! 2016 wird die Emotionalität wohl eine andere sein, da der Reiz des Unbekannten und der Faktor der Traumerfüllung nun wegfallen werden. Deshalb werde ich dann nun etwas gezielter an den Wettkampf herangehen. 10:30 stelle ich jetzt einfach mal in den Raum!

Wow, das wäre ja schon fast Quali-Zeit, wenn es ein anderer Veranstalter wäre, oder?

Nein, bei weitem nicht. Aber das sind auch nicht meine Ambitionen irgendwann mal auf die Insel zu fliegen. Die Vorbereitung jetzt, sind für die Familie schon so eine krasse Belastung und wenn noch Hawaii hinzukommen würde …. nene, da bleibe ich lieber freundlich, lustig und unqualifiziert! (lach)

(lach) Eigentlich ein perfektes Schlusswort, aber eines möchte ich noch wissen. Wenn jetzt der eine FCSP Triathlet oder die andere FCSP Triathletin denkt, mit dem Karsten möchte ich irgendwann noch einmal ein Finisherbier trinken – wo kann man dich treffen?
Der Wettkampf-Kalender 2015 steht. Ich bin unter anderem am 10. Mai in Iserlohn, natürlich am 14.06. beim ersten von St. Pauli ausgerichteten Stadtpark-Triathlon mit von der Partie und ich bin (und das ist mein absoluter Geheimtipp) am 27.06. beim Werbellinsee-Triathlon dabei. Wer sich auf der Laufstrecke richtig auskotzen und diese mal als Crosslauf absolvieren möchte, ist hier richtig! Dazu ein glasklarer See und eine tolle Radstrecke. Aber, aufgrund der Laufstrecke, sollte man wie gesagt gut ne halbe Stunde mehr einplanen! Das zieht dir so richtig schön den Stecker! Kann man als OD oder MD bestreiten und zählt zu den schönsten Triathlon-Wettbewerben, die ich je gemacht habe.

Karsten, vielen Dank, dass du dich für das Premieren-Interview zur Verfügung gestellt hast. Wir sehen uns spätestens im Stadtpark!

 

DU bist auch im Exil und hast mal Bock mit mir zu schnacken?! Dann melde dich bei mir!

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